Seetransport per Segelschiff – ein Schritt zurück, um voran zu kommen

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Nachhaltiger Seetransport: Die Brüder Daniel und Oscar Kravina aus Österreich restaurieren – gemeinsam mit zahlreichen Unterstützer*innen – ein altes Segelschiff. Unter dem Namen “Brigantes“ soll es ab 2020 fair gehandelte Waren wie Kaffee, Tee oder Kakaobohnen völlig emissionsfrei von Mittelamerika nach Europa transportieren.

Ich habe mit Daniel über das Projekt, über seine und Oscars Visionen und über ihren Wunsch, Teil eines Wandels hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft zu sein, gesprochen.

Gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit

Hallo Daniel! Stelle doch einmal kurz dich, deinen Weg und deine Visionen vor!

Ich bin Daniel, der ältere der zwei Kravina Brüder, oder „Brigantes Brothers“, wie man uns schon ab und zu nennt. Ich bin in München geboren, in Italien aufgewachsen und seit 30 Jahren in Wien zu Hause. Seit 20 Jahren bin ich selbständiger Unternehmer im Kultur- und Reiseveranstaltungsbereich.

Meine Vision: Eine Welt, in der wir Menschen unser Schicksal auf diesem Planeten wieder selber in die Hand nehmen. Wir leben in turbulenten Zeiten, geprägt von Krisen, Katastrophen und großen Herausforderungen – wie dem Klimawandel. Wir erwarten von Institutionen Lösungen, sind aber nicht wirklich bereit, auf unseren bequemen „Status Quo“ zu verzichten. Wir fahren viel und häufig mit dem Auto, wir fliegen um die Welt, wir konsumieren Produkte aus Übersee, die für uns zwar billig sind, die aber enorme Kosten für die Menschen und die Umwelt nach sich ziehen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen den Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Verhalten und den Konsequenzen für die Umwelt verstehen und bereit sind, gemeinsam auf einen nachhaltigen Wandel hinzuarbeiten.

In diesem Video erzählen Daniel und Oscar von ihrem Projekt und den Visionen dahinter.

Nachhaltiger Seetransport per Segelschiff

Was genau ist die Idee hinter eurem Projekt und was möchtet ihr damit erreichen?

Die Idee ist denkbar simpel: Die Frachtschifffahrt unter Segeln in das 21. Jahrhundert wieder einzuführen. Die ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit machen es möglich und sinnvoll, die vergessene Welt des Segeltransportes wieder zum Leben zu erwecken – eine Welt, die der moderne Mensch in seinem Energie- und Maschinenrausch voreilig verbannt hat.

Wir restaurieren ein historisches Segelschiff aus dem Hause Lühring und aus dem Baujahr 1911 und machen es wieder fit für den Übersee-Transport von Waren. Nachhaltige Unternehmen können dann Fracht wie Kaffee, Kakaobohnen oder Tee buchen und sie emissionsfrei nach Europa schiffen lassen.

Konsum und Industrie: Weg vom Wachstum

Mit dem Projekt möchten wir Menschen sensibilisieren und zum Nachdenken über das eigene Konsumverhalten animieren. Und wir möchten Teil eines Wandels hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft sein, in der Konsum und Industrie massiv zurückgeschraubt werden. Denn eine ständig weiter wachsende Wirtschaft wird früher oder später einen Kollaps der Ökosysteme und des Klimas auf der Welt nach sich ziehen. Ein Modell, das von einem Ende des Wachstums ausgeht, ist zum Beispiel die Postwachstumsökonomie.

Mit der Idee, Waren emissionsfrei mit einem restaurierten Segelschiff über die Ozeane zu transportieren, verbinden wir Umweltgedanken mit Schönheit und Ästhetik – so ein Segelschiff steht für Sehnsüchte, für Emotionen und für Freiheit. Aber nur dann, wenn alle Menschen auf dem Schiff zusammenarbeiten und mit anpacken: Das Projekt ist also sehr symbolträchtig und steht gewissermaßen für alle Menschen hier auf dem „Schiff Erde“. Das Brigantes-Projekt ist somit ein ökologisches, aber auch ein ökonomisches und soziales Projekt.

Info: Weltweit ist die Schifffahrt für den Ausstoß von etwa 15 Prozent der globalen Stickoxidemissionen, 13 Prozent der Schwefeldioxidemissionen und 3 Prozent der gesamten vom Menschen verursachten CO2-Emissionen verantwortlich, Tendenz weiter steigend. Außerdem enthalten Schiffsabgase unter anderem auch Schwermetalle und Asche. Ihre Verbrennung erzeugt Rußpartikel und Feinstaub. Damit gehen Umwelt- und Gesundheitsschäden einher, insbesondere in Hafenstädten oder Ballungsräumen in der Nähe von Hafengebieten.

Nachhaltigkeit nachhaltiger Seetransport

Nachhaltiger Seetransport: Die Avontuur vom Unternehmen Timbercoast transportiert schon jetzt Waren von Mittelamerika nach Europa © Timbercoast

Fairtrade Kaffee und Schokolade – emissionsfrei transportiert

Es gibt noch weitere Initiativen, bei denen alte Segelschiffe wieder für den Warentransport fit gemacht wurden. Kannst du darüber etwas erzählen? Was habt ihr gemeinsam und was unterscheidet euch?

Ja richtig – in der Sail Cargo Alliance haben sich inzwischen mehrere Unternehmen zusammengeschlossen, die Waren unter Segeln über die Weltmeere transportieren.

Pioniere dieser Bewegung waren die TRES HOMBRES, die seit mehr als zehn Jahren über die Weltmeere segeln und Waren nach Europa transportieren. Sie haben den Weg geebnet und gezeigt, dass so etwas technisch wie ökonomisch möglich ist.

Seit zwei Jahren segelt außerdem die Avontuur von Timbercoast über die Weltmeere. Auch der Kapitän Cornelius Bockermann wünscht sich einen ökologisch und sozial nachhaltigen Welthandel. Der Frachtsegler bringt fair gehandelte Waren emissionsfrei aus Mittelamerika nach Europa – zum Beispiel Kaffee und Kakaobohnen.

Beides sind wunderbare Projekte – mit der Avontuur haben wir uns bereits eine Tonne Kaffee von Honduras aus nach Deutschland transportieren lassen. Diesen „Sail shipped coffee“ kann man nun online kaufen und damit unser Projekt unterstützen.

Während die TRES HOMBRES eine Transportkapazität von bis zu 40 Tonnen aufweist, sind es bei der Avontuur je nach transportierter Ware bis zu 70 Tonnen. Die Brigantes soll bis zu 160 Tonnen transportieren können.

Nachhaltigkeit Fairtrade Kaffee

Fairtrade Kaffee, emissionsfrei nach Europa transportiert. Zu kaufen im Online-Shop von Brigantes

Freiwillige gesucht – mit anpacken und ein Segelschiff bauen

Wie viel kostet es denn eigentlich, so ein altes Segelschiff wieder fit zu machen für den Einsatz auf hoher See?

Wir rechnen mit Gesamtkosten von einer knappen Million Euro für die Restaurierung des Schiffes. Um die magische Grenze von einer Million nicht zu durchbrechen, sind wir jedoch auf Unterstützung vieler Freiwilliger angewiesen, und da haben wir bislang sehr gute Erfahrungen gemacht.

Denn Menschen sind heute vielleicht mehr denn je bereit, ihre Fähigkeiten und Ressourcen – auch Geld – für eine gute Sache einzusetzen. Und sie bekommen auch etwas dafür. Denn es gibt in der Tat kaum etwas Erfüllenderes, als die Früchte der eigenen Arbeit sofort zu sehen – umso mehr, wenn daraus dann ein wunderschönes Segelschiff wird, das seit eh und je Sehnsüchte weckt. In 30 oder 40 Jahren wird man vieles vergessen haben, aber bestimmt nicht, im Jahr 2018 oder 2019 gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten aus aller Welt ein Segelschiff mitgebaut zu haben!

Für die Firma Zotter hat die Avontuur eine Tonne Kakaobohnen von Mittelamerika nach Europa transportiert. In diesem Video seht ihr das Lösch-Event in Hamburg, bei dem viele Freiwillige mit Herzblut und Leidenschaft mitgeholfen haben.

Brigantes-Anteile kaufen und Investor werden

Die Hilfe durch Freiwillige ist das eine, aber wie finanziert ihr das Projekt?

Einerseits stecken wir eigenes Kapital und Reserven in das Projekt. Andererseits, und das ist ein wichtiger Punkt, ist das Projekt ist von Anfang an so angelegt worden, dass sich Investoren am Unternehmen und somit am Schiff beteiligen können. Das heißt: Durch den Kauf von Brigantes-Anteilen wird man Miteigentümer des Schiffes.

Bis heute haben wir ein Drittel der für die Renovierung des Schiffes veranschlagten Summe auftreiben können. Jetzt brauchen wir aber auch Investoren, die in unserem Projekt auch eine sinnvolle Investition sehen – und das ist noch ein Problem.

Es gibt zwar bereits einige Produzenten, die großes Interesse am Segeltransport zeigen, doch sie warten darauf, dass das Schiff auch tatsächlich fertig sein wird. Ohne Schiff also kein Markt, doch ohne Markt ist es schwer, Investoren zu finden, um das Schiff fertigzustellen. Alle warten ab; Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt! Die Situation kennen wir aus den Erfahrungen unserer Mitbestreiter, allen voran TRES HOMBRES und AVONTUUR, und sie haben heute beide operative Schiffe. Wir werden es auch noch schaffen!

Segelschiff bauen nachhaltiger Seetransport

Wer das Brigantes-Team finanziell unterstützen möchte, kann Anteile kaufen und Investor werden

Rebellen auf Tour

Wenn die Brigantes fertiggestellt ist: Wie häufig werdet ihr im Jahr segeln und welche Routen werdet ihr fahren?

Das Schiff wird aus heutiger Sicht einmal pro Jahr im Winter die Karibik und Mittelamerika anfahren und dann vor allem fair gehandelten Bio-Kaffee und Kakao nach Europa transportieren. Die Dauer der Atlantikroute wird anfangs mehrere Monate betragen. Wenn sich die Gesamtlogistik aber einmal eingespielt hat, wird sich die Zeit noch verkürzen.

Für die Sommerzeit sind Fahrten im Mittelmeer vorgesehen – für Transporte, aber auch um für die Idee zu werben und sie bekannter zu machen.

Info: „Brigantes“ stammt übrigens vom italienischen Wort „Brigar“ (kämpfen, streiten) ab und bedeutet so viel wie „Rebellen“.

Reiseangebote: Mitsegeln und Teil der Crew werden

Auf dem Schiff wird auch Platz für zahlende Passagiere sein, richtig?

Genau – bei den Fahrten können bis zu zehn zahlende Passagiere mitfahren. Wobei das etwas irreführend klingt: Man steigt nicht aufs Schiff und bekommt dann Full Service wie auf einem Kreuzfahrt-Dampfer, sondern man wird Teil der Crew. Man verbringt Zeit zusammen im Gemeinschaftsraum und kann gerne auch mal mit anpacken, denn Segeln ist sehr arbeitsintensiv und jede helfende Hand wird gebraucht.

Dass das Segeln auf einem so großen Schiff ein ganz besonderes und sicher unvergessliches Erlebnis ist – keine Frage! Das Mitsegeln ist übrigens schon jetzt auf der TRES HOMBRES und der Avontuur möglich.

Die Preise werden sich auch nach der Länge der Reise richten. Grob kann man von 60 bis 70 Euro pro Tag pro Person ausgehen. Man kann sowohl die gesamte Strecke bis nach Mittelamerika mitfahren als auch kürzere Strecken auf dem Mittelmeer im Sommer. Geplant sind auch Reisen als Bildungsmöglichkeit, bei denen man die gesamte Produktionskette eines Produktes mitverfolgen kann – beispielsweise durch einen Besuch auf einer Dattelplantage – von Anbau und Ernte bis zum Transport und Verkauf.

Mitsegeln und Teil der Crew werden: Eine Reise auf einem Segelschiff ist ein besonderes Erlebnis. © Timbercoast

Brigantes als Teil eines ökonomischen Wandels

Glaubt ihr, dass es auch in größerem Stil möglich sein wird, Waren wieder per Segelschiff zu transportieren?

Das ist in der Tat die „FAQ number one“, genauso häufig gestellt wie irreführend. Es ist völlig unmöglich, die heutige Menge an Waren bei den heutigen Frachtpreisen anders als per Frachtdampfer zu transportieren. Jegliche Form von Antrieb ist massiv teurer als es die Verbrennung der hochtoxischen Reste der Erdölverarbeitung sein kann.

Aber: Wie schon vorher erwähnt, sehen wir unser Projekt als Teil eines notwendigen ökonomischen und sozialen Wandels. Als eine Vorbereitung auf eine Zukunft, in der die globale Industrie und der damit verbundene Seetransport nicht verschwinden wird, aber massiv schrumpfen muss.

Unser Projekt – genau wie alle anderen Projekte in der Sail Cargo Alliance – versteht sich sowohl als Vorbild und Vorreiter als auch als ständiger Reminder dessen, was aktuell in der Frachtschifffahrt und dem gesamten System schief läuft: Monopolistische Strukturen und Waren, die von gigantischen Schiffen mit einem ebenso gigantischen Schadstoffausstoß transportiert werden.

Wir müssen machen, und zwar alle!

Was sind eure Gedanken bezüglich der aktuellen Entwicklungen rund um Klimawandel  und Umweltzerstörung – sind all die idealistischen Bemühungen ein Tropfen auf den heißen Stein, oder können wir noch etwas bewegen und „die Kurve kriegen“ für unseren Planeten?

Solange man wartet, dass die Politik oder die Wirtschaft etwas tun, ohne selber bereit zu sein, das eigene Konsumverhalten und den eigenen Lifestyle zu ändern, wird sich auch nichts ändern.

Die „idealistischen Bemühungen“ – und darunter ist auch unser Projekt anzusiedeln – sind schlicht und einfach die einzige Chance, für 99% von uns zu wirken. Reden hilft uns zum jetzigen Punkt einfach nicht mehr weiter. Wir müssen machen, und zwar alle! Wir fangen damit an und hoffen, damit noch viele andere Menschen zu inspirieren und wortwörtlich mit ins Boot zu holen.

Daniel und Oscar, vielen lieben Dank für dieses inspirierende Interview und das Allerbeste und vor allem ganz viel Erfolg für euer wunderbares Projekt!

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One thought on “Seetransport per Segelschiff – ein Schritt zurück, um voran zu kommen

  1. Liebe Marcella,

    ich freue mich deine Webseite gefunden zu haben. Das Thema des nachhaltigen Seetransports finde ich unglaublich spannend & inspirierend! Und auch thematisch passt es gerade gut in meinen Gedankenlauf.

    Ich habe gerade erst einen Artikel über ein subkulturelles Projekt in Berlin veröffentlicht und mir dabei die Frage gestellt, in wie weit nachhaltige Projekte eben doch am Ende zu was Wirtschaftlichem werden, zu etwas, wo eben nicht der gewöhnliche Mensch sondern nun eben der Konsumkritiker einkauft, aber es eben doch um Geld geht. (Was ja auf jeden Fall erstmal bedeutet, dass das Geld nicht in die Hände einer unserer weltweit größten Konzerne kommt. Diversität & Alternativen sind heute wichtiger denn je.)

    Meine Frage bezieht sich hier vor allem auf die Freiwilligen, die unentgeltlich arbeiten – die natürlich viel dazulernen und auch Spaß an ihrer Arbeit haben, aber eben doch in gewisser Weise Arbeit verrichten, die nicht bezahlt wird. Deren Boss aber doch letztendlich an der gesamten Geschichte verdienen wird, sofern denn das Segelschiff mal fertig ist und Waren übers Meer transportiert.

    Das klingt jetzt sehr negativ von meiner Seite. Ich will das Konzept hier gar nicht kritisieren, es war wie gesagt nur mein aktueller Gedankengang. Ich fände es spannend zu erfahren, was die Freiwilligen selbst dazu sagen, was ihre Motivation hinter der Sache ist. Vermutlich sehen sie das gar nicht einmal wie ich!

    Dass Daniel und Oscar das Schiff später als Bildungsmöglichkeit nutzen möchten, finde ich eine super Idee, damit das Projekt eben auch die Welt sozial und entwicklungspolitisch verbessern kann. Auch freut es mich, dass hier die Handwerkskunst des Segelschiffbauens erhalten bleibt und hoffentlich auch an die nächste Generation weitergegeben wird.

    Viel Erfolg den beiden bei ihrem Lebensprojekt!

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