Warum ich Flugreisen vermeide und Europa mit dem Zug erkunde

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Nachhaltig leben und mit dem Flugzeug verreisen – das passt nicht gut zusammen. Deshalb möchte ich Flugreisen vermeiden und stattdessen öfter mit dem Zug durch Europa fahren. 2018 fliegen mein Freund Andreas und ich gar nicht und sind bereits einen knappen Monat lang mit Zug und Bus durch Osteuropa gereist. Im Herbst machen wir uns mit dem Zug auf den Weg nach Spanien.

Entspannt sitze ich da und sehe, wie die Landschaft an mir vorbeizieht und sich verändert. Wiesen, Almen, Flüsse und immer größere Berge, dann hohe und schneebedeckte Gipfel – auf der Zugfahrt von Brühl nach Zagreb geht es einmal quer durch Österreich und Slowenien. Aus dem Fenster blicken wir auf die Alpen und ihre Ausläufer. Es ist das erste mal, dass wir auf einer längeren Strecke mit dem Zug durch Europa reisen. Vor kurzem haben mein Freund Andreas und ich beschlossen: Wir möchten weniger fliegen! Am liebsten sogar gar nicht mehr.

Mit dem Zug durch Europa

Mit dem Zug durch Europa, hier auf der Strecke von Brühl nach Zagreb

Die Sache mit dem Fliegen und der Nachhaltigkeit

In den letzten Jahren habe ich nach und nach immer mehr Lebensbereiche nachhaltig gestaltet: Vegane Ernährung, viel regionale und saisonale Bio-Lebensmittel, Ökostrom, Müllvermeidung. Eigenes Auto – schon lange abgeschafft. Neuanschaffungen, ob Kleidung, Möbel oder Elektrogeräte – vermeide ich so gut es geht und setze auf reparieren statt neu kaufen.

Meine letzte Fernreise, damals war ich ein halbes Jahr lang in Thailand und habe bei einer Vogelstation gearbeitet, liegt inzwischen zwölf Jahre zurück. Aber fast jedes Jahr habe ich in den letzten Jahren einen Kurz- oder Mittelstreckenflug gebucht. Die Ziele: Immer in Europa ­– Spanien, Schweden, Portugal… Ein richtig gutes Gefühl hatte ich dabei nie, und das nicht nur wegen meiner latenten Flugangst. Meine Arbeit als Redakteurin beim Reise- und Umweltmagazin Anderswo machte mir immer wieder deutlich: Nachhaltig leben und mit dem Flugzeug verreisen – das passt nicht gut zusammen. Und vor allem ist das Reisen mit dem Zug ein echter Gewinn: Die Anreise wird zum Teil des Urlaubs.

Nachhaltig reisen Verkehrsmittel

Der CO2-Austoß der verschiedenen Verkehrsmittel im Überblick: Grafik: katzensprung-deutschland.de

Der Flugverkehr in Zahlen – ein riesiger ökologischer Fußabdruck

Während ich im Alltag versuche, meinen persönlichen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, habe ich ihn mit meiner jährlichen Flugreise in einen deutlich größeren Fußstapfen verwandelt.

Ein Flugzeug hat nicht nur einen insgesamt höheren Schadstoffausstoß als andere Verkehrsmittel1, es bewegt sich auch in einer sensiblen atmosphärischen Ebene, in der sich die klimaschädliche Wirkung potenziert2.

Allein ein Flug von Köln nach Barcelona und zurück erzeugt rund 700 kg CO2 – das ist fast ein Drittel des klimaverträglichen Jahresbudgets (2300 kg CO2) eines Menschen. Im Vergleich dazu: Ein Fernflug, beispielsweise von Köln nach New York und zurück, verursacht rund 3500 kg CO2 – und damit weit mehr als ein Jahr Auto zu fahren und auch allein schon deutlich mehr als es das klimaverträgliche Jahresbudget eigentlich zulassen würde. Das Ergebnis einer Ende 2016 veröffentlichten Studie3 macht die Klimawirkung des Fliegens noch anschaulicher: Ein Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück lässt pro Passagier fünf Quadratmeter Arktiseis verschwinden.

Auch wenn wir die Effekte des Fliegens nicht direkt sehen oder spüren – sie sind da, und sie sind leider auch sehr groß.

CO2-Emissionen eines Hin- und Rückflügs von Köln nach Barcelona (Quelle: atmosfair.de)

Tipp: Mit dem Ressourcen Rechner des Wuppertal Instituts kannst du ausrechnen, wie dein Lebensstil sich auf die Umwelt auswirkt. Anschaulich zeigt dir der Rechner, welche deiner Lebensbereiche (Wohnen, Konsum, Ernährung, Freizeit, Mobilität, Urlaub) das größte Gewicht in deinem „ökologischen Rucksack“ verursachen. Bei atmosfair kannst du außerdem ganz einfach die Klimawirkung deiner Reise berechnen.

Die Klimawirkung des Tourismus – größer als bisher angenommen

Eine neue Untersuchung der University of Sydney kommt zu dem Ergebnis: Der Tourismus trägt einen deutlich größeren Anteil zum globalen CO2-Ausstoß bei als bislang angenommen. Acht Prozent aller Treibhausgasemissionen weltweit gehen auf das Konto von Reisenden – insbesondere aus wohlhabenden Staaten. Ganz oben mit dabei ist Deutschland. Die Wissenschaftler*innen appellieren deshalb an Bürger*innen und Staaten, weniger zu fliegen.

Mit dem Zug durch Europa – die Vielfalt der europäischen Natur und Kultur entdecken

Für Andreas und mich wurde immer deutlicher: Wir möchten weniger fliegen. 2018 wird deshalb unser erstes gemeinsames flugfreies Jahr – wie im Sommer 2017 bei der Zugfahrt nach Zagreb machen wir uns auch 2018 auf den Weg, die vielfältige Natur und Kultur Europas klimaschonend mit Zug und Bus zu entdecken.

Im Mai ging es von Brühl aus los auf eine Tour durch Osteuropa: Wir haben die Städte Prag, Krakau, Košice, Budapest, Bratislava und Wien erkundet, in der hohen Tatra zum Wandern Halt gemacht und haben mit dem Fahrrad den ungarischen Balatonsee erkundet. Besonders spannend waren auch die Fahrten mit dem Nachtzug auf den Strecken von Prag nach Krakau und auf der Rückfahrt von Wien nach Köln. Hier findest du mehr Informationen zu der Reiseroute und den einzelnen Stationen.

Auch im Herbst werden wir eine längere Zugreise machen: An die spanische Costa Daurada via Paris und Barcelona. Bisher sind wir diese Strecke immer geflogen. Ich bin gespannt, welche neuen Erlebnisse und Ausblicke uns auf der Zugfahrt erwarten.

Mit dem Zug durch Europa, nachhaltig leben

Mit Zug und Bus ging es einen knappen Monat lang durch Osteuropa.

Nie wieder fliegen, nie wieder Fernreise?

Ich werde oft gefragt, ob ich denn jetzt nie wieder fliegen, nie wieder ferne Länder sehen und ganz fremde Kulturen entdecken möchte. Auch wenn meine letzte Fernreise zwölf Jahre zurückliegt, habe ich in Europa noch immer vieles nicht gesehen. Deshalb möchte ich erst einmal weiter auf neue Entdeckungstouren gehen und bin gespannt, was ich auf den Zugreisen erlebe und wie sich meine Wahrnehmung des Reisens dadurch verändert.

Gleichzeitig schließe ich es aber auch nicht aus, jemals wieder eine Fernreise zu machen. Aber wer weiß, ob das mit dem Flugzeug sein wird. Vielleicht mache ich mich, wenn Geld und Zeit es zulassen, auch mal zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den Weg. Auch mit dem Zug ist es möglich, über Europas Grenzen hinweg zu reisen.

Bewusster reisen und konsumieren

Ich weiß aber auch, dass niemand alles in allen Bereichen perfekt machen kann und möchte das für mich auch nicht beanspruchen. Und ich glaube, dass schon viel gewonnen ist, wenn wir uns die Effekte des Fliegens auf die Umwelt bewusst machen – und vor jedem Flug überlegen, ob er nicht vielleicht vermeidbar ist. Und falls nicht: Den Flug kompensieren.

Ich wünsche mir, dass wir mit dem Thema achtsamer umgehen – ganz besonders, wenn uns Nachhaltigkeit am Herzen liegt. Wir sollten nicht den Anspruch haben, jedes Jahr wie selbstverständlich eine andere Fernreise zu buchen.

Statt gehetzt eine Bucketlist mit den fernsten Reisezielen abzuarbeiten, könnten wir auch einfach mal da sitzen, entspannt zum Fenster rausschauen und beobachten, wie die Landschaft an uns vorbeizieht und sich verändert. Es lohnt sich ganz bestimmt!

Tipp: Du möchtest demnächst auch mal mit dem Zug durch Europa reisen? In diesem Beitrag habe ich zusammengestellt, wo du Infos zu Verbindungen, Tickets und Buchung einer Zugreise findest und was es sonst noch zu beachten gibt.

Quellen
1: Klimawirkung von Verkehrsmitteln
2: Die Klimawirkung des Flugverkehrs
3: Studie: Observed Arctic sea-ice loss directly follows anthropogenic CO2 emission

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2 thoughts on “Warum ich Flugreisen vermeide und Europa mit dem Zug erkunde

  1. Die Intention dahinter verstehe ich vollkommen und finde sie auch per se erst mal gut. Wenn ich dann aber lese „… schon einen Monat mit dem Zug…“. Mit meiner 40h/Woche und 30 Tagen Urlaub im Jahr ist es eben auch eine Zeitfrage; mehr als ein mal im Jahr 2-3 Wochen am Stück ist nicht drin, 1-2 lange Wochenende und dann nochmal irgendwann eine Woche und der Urlaub ist aufgebraucht. Da überlege ich, wie ich schnell ans Ziel komme. Und da ist es halt dann keine Option 3 Tage mit dem Zug bis Portugal zu fahren und nochmal einige Tage mit dem Schiff bis auf die Kanaren. Dann bin ich gerade dort und kann wieder umdrehen. Und solang ich noch jung bin und es körperlich schaffe möchte ich etwas von der Welt sehen und fliege nach Mauritius, nach Australien, nach Mexiko und nach Island. Innerhalb Deutschlands muss ich aber sagen tue ich es nicht, da bevorzuge ich auch den Zug oder unser Auto. Denn ab 2 Personen habe ich es noch nie erlebt, dass das Auto teurer wäre, ganz im Gegenteil, da ist die DB immer teurer. Und auch dann stellt sich mir die Frage nicht, denn auch mein Gehalt ist leider eher begrenzt, genau wie die Anzahl meiner Urlaubstage. Leider!

    1. Hallo und danke für deinen Kommentar! 🙂

      Gerade wegen dieses Problems (keine Zeit, um sich beim Reisen Zeit zu nehmen wegen zu viel Arbeit) setze ich mich eben nicht nur isoliert für das Thema Nachhaltigkeit ein, sondern für einen gesamt-gesellschaftlichen Wandel. Wir müssen nämlich ohnehin weg von der Idee des ewigen Wirtschaftswachstums, des ständigen Konsums und eben auch des Vollzeit-Arbeitens. In diesem Artikel beschreibe ich das näher und weise auch auf ein Lösungsmodell hin, das von Ökonomen entwickelt wurde: Die Postwachstumsökonomie: https://www.getonyourway.de/beitrag/gesellschaftlicher-wandel-nachhaltig-leben/
      Ich verstehe ja, dass man die Welt sehen möchte, aber es ist eben gleichzeitig auch sehr egoistisch in Anbetracht dessen, dass die Erde in absehbarer Zeit für Menschen nicht mehr bewohnbar sein wird, wenn wir so weiter machen wie momentan. Es steht also einfach auch eine enorme Dringlichkeit dahinter und ich verstehe nicht, wie so viele Menschen die weiterhin ignorieren können, weil sie weiter ihrem Konsum nachgehen und ihre Fernreisen machen möchten.
      Ich kann dazu auch diesen Artikel empfehlen, der auf die „Kippelemente“ eingeht, die, wenn sie durch unser Verhalten bald eintreten, den Klimawandel enorm beschleunigen und schon uns oder die nächste Generation damit konfrontieren werden, dass dieser Planet für Menschen immer weniger bewohnbar sein wird: http://www.faz.net/aktuell/wissen/erde-klima/klimawandel-durch-erderwaermung-droht-eine-heisszeit-15725973.html
      Ich finde, das sind alles Gründe, das eigene Verhalten und die wirklichen Bedürfnisse nochmal zu prüfen.

      Liebe Grüße
      Marcella

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