Debatte um Stickoxid-Grenzwerte: Die (Ir-)Relevanz des neuen Positionspapiers

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In einem aktuellen Positionspapier kritisieren etwa 100 Lungenexpert*innen die von der EU festgelegten Grenzwerte für Stickoxid und Feinstaub – ohne jeden Beleg diskreditieren sie zahlreiche wissenschaftliche Studien zum Thema. Eigentlich sollte klar sein: Auf einem solchen Papier dürfen keine politischen Forderungen oder gar Maßnahmen fußen. Eigentlich.

Niedrigere Grenzwerte gefordert

Als „völlig unsinnig“ und „einen Witz“ bezeichnen etwa 100 Lungenärtz*innen in ihrem Positionspapier die aktuell in der EU geltenden Grenzwerte für Luftverschmutzung. Ohne jeden Beleg diskreditieren sie die jahrzehntelange Forschungsarbeit vieler Wissenschaftler*innen. Sie werfen den zahlreichen Studien zum Thema eine „fehlende wissenschaftliche Basis“ vor und gehen sogar so weit, von einer „ideologisch gesteuerten Hysterie“ rund um die Stickoxid-Debatte zu sprechen.

„Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub!“, titelt daraufhin die BILD-Zeitung. Auch durch andere Medien kursiert die Meldung blitzschnell. Noch viel schneller tauchen die ersten Forderungen auf: Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat angekündigt, in dieser Woche Konsequenzen für ganz Europa anzumahnen – er möchte die Grenzwerte für Luftschadstoffe erhöht sehen. Auch der ADAC und Politiker von FDP und AfD äußern ähnliche Forderungen.

Das alles auf der Grundlage eines zweiseitigen Positionspapiers, das wohlgemerkt nicht etwa eine neue Studie mit bahnbrechenden Ergebnissen ist.

Fakten zum Positionspapier

  • Der Hauptautor der Studie ist der 70-jährige Pneumologe Dieter Köhler, früher Chefarzt einer Lungenfachklinik und zwei Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP).
  • Die zwei Mitautoren der Studie sind Matthias Klinger, der Leiter des Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden und Thomas Koch, der das Karlsruher Institut für Kolbenmaschinen leitet und zuvor zehn Jahre bei Daimler in der Motorenentwicklung tätig war.
  • Unterschrieben haben das Papier knapp 100, überwiegend in eigener Praxis niedergelassene Lungenärzt*innen und Mitglieder der DGP – nicht etwa, wie in manchen Medien fälschlicherweise dargestellt „renommierte Wissenschaftler“. Niedergelassene Ärzt*innen sind nur selten in der Wissenschaft tätig.
  • Die DGP hat insgesamt 4000 Mitglieder. Die Unterzeichner*innen des Papiers machen davon 2,5 Prozent aus.
  • Die DGP selbst hatte Ende 2018 ein Positionspapier veröffentlicht, in der sie ausführlich auf die gesundheitsschädlichen Wirkungen von Feinstaub und Stickoxiden hinwies – auf 50 Seiten und mit 451 Quellenangaben.
  • Das aktuelle Positionspapier enthält keine einzige Quellenangabe und keinen einzigen Hinweis auf den aktuellen Stand der Forschung.
  • Es enthält lediglich die Behauptung, allen bisher durchgeführten Studien, unter anderem der Weltgesundheitsorganisation WHO, des Max-Planck-Instituts und des Helmoltz-Zentrums, fehle eine „wissenschaftliche Basis“.

Beispiele und Rechnungen

Zunächst behauptet Köhler, die bisherigen Daten zur Luftverschmutzung seien von voreingenommenen Wissenschaftlern „extrem einseitig interpretiert“ worden. Fälschlicherweise sei deshalb beim Zusammenhang zwischen einer hohen Luftschadstoffbelastung und Gesundheitsrisiken von Kausalität ausgegangen worden, in Wirklichkeit handele sich aber lediglich um Korrelation. Für die höhere Sterblichkeit in Gruppen, die beispielsweise an viel befahrenen Straßen leben, seien Faktoren wie der Lebensstil und andere Belastungen verantwortlich.
Solche Aussagen unterstreicht Köhler mit eingängigen Beispielen und Rechnungen: Er habe in seiner langjährigen Praxis noch keinen Patienten gesehen, der durch Feinstaub oder Stickoxide gestorben sei.
Zudem seien Raucher einer millionenfach höheren Feinstaubbelastung als der auf deutschen Straßen ausgesetzt, sodass diese eigentlich binnen weniger Wochen tot umfallen müssten.
Der Stickoxid-Grenzwert in der Außenluft von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter sei deshalb nicht tragbar, wo doch außerdem in Büros 60 und an Produktionsstätten sogar 950 Mikrogramm zugelassen sind. Auch eine brennende Kerze, so Köhler, überschreite in einem geschlossenen Raum den Grenzwert für den Verkehr binnen kurzer Zeit deutlich.

Vereinfacht dargestellte Fakten

Was zunächst nachvollziehbar klingen mag, ist bei genauerer Betrachtung vereinfacht und aus dem Zusammenhang dargestellt, da sind sich Experten wie Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann, Holger Schulz, Direktor des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München und EU-Umweltkommissar Karmenu Vella mit Blick auf die zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Daten der WHO einig.

Seitdem das Positionspapier erschienen ist, weisen inzwischen bereits mehrere Artikel auf die unwissenschaftliche Vorgehensweise Köhlers hin:

Süddeutsche Zeitung: Ein Gesundheitsproblem, das jeden betrifft

Spiegel: Zwei Seiten Behauptungen, kein einziger Beleg

Deutschlandfunk: Umweltmedizinerin widerspricht Lungenärzten

Was im Positionspapier außer Acht gelassen wird

Unter anderem aus dem zuletzt verlinkten Interview mit der Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann geht hervor, wie vereinfacht Köhlers Behauptungen sind:

  • Seine Aussage, er habe noch niemanden gesehen, der an Stickoxiden oder Feinstaub gestorben sei, ist schon in sich unwissenschaftlich und unlogisch: Menschen sterben nicht an Risikofaktoren, sondern an Krankheiten – und genau wie das Rauchen erhöhen auch Stickoxide das Risiko, bestimmte Krankheiten zu entwickeln. Im Fall von Stickoxid sind das beispielsweise Asthma-Erkrankungen, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bis zu 13.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr führt die WHO auf Stickoxide zurück, bis zu 80.000 auf Feinstaub.
  • Bei seinem Raucher-Beispiel lässt Köhler die Dosis-Wirkungs-Beziehungen völlig außer Acht: Die Wirkung eines Schadstoffs nimmt nicht linear zu dessen Dosis zu. Beispielsweise macht es in Bezug auf das Herzinfarkt-Risiko keinen Unterschied, ob jemand fünf oder 20 Zigaretten am Tag raucht – in beiden Fällen steigt das Risiko im Vergleich zu einem Nichtraucher um 100 Prozent.
  • Auch ignoriert Köhler beim Vergleich der Grenzwerte für die Außenluft und für Innenräumen, dass es sich bei dem Grenzwert von 40 Mikrogramm um einen Jahresmittelwert handelt. Er wirkt nicht nur stundenweise, wie beispielsweise eine Kerze im Innenraum, sondern 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – dem sind auch alte Menschen, kranke Menschen, Kinder und Schwangere permanent ausgesetzt, wenn sie an einer viel befahrenen Straße wohnen.
  • Hinzu kommt: Stickoxid ist nur einer von vielen Schadstoffen, die durch Autoabgase entstehen. Neben Feinstaub entstehen durch Autos unter anderem auch Ruß, Ozon, aromatische Kohlenwasserstoffe und natürlich CO2, das vor allem dem Klima schadet. Hinzuzurechnen sind Schäden durch Lärm und Gestank sowie die zahlreichen durch Autofahrer*innen getöteten Radfahrer*innen auf deutschen Straßen. Auch fehlen in Städten durch Autos und Parkplätze wichtige Lebens- und Begegnungsräume für die Menschen, die dort leben.

Mobilitätswende adé?

All das wird in der nun entbrannten Debatte außer Acht gelassen. Und ehe wir uns versehen, zweifeln Politiker wie Andreas Scheuer vermutlich nicht nur die Stickoxid-Grenzwerte und Dieselfahrverbote, sondern auch ganz allgemein die so dringend nötige Mobilitätswende an. Willkommen im postfaktischen Politik-Zeitalter!

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