Alleine wandern: „Mehr Frauen in den Wald!“

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Alleine wandern – viele kennen die Sehnsucht nach Einsamkeit in der Natur. Aber häufig halten uns Ängste und Hürden im Kopf davon ab, uns alleine auf den Weg zu machen. Wandersfrau Jessica (www.wandersfrau.de) lebt und arbeitet in Köln und liebt es, sich alleine Auszeiten in der Natur zu nehmen. Seit kurzem gibt sie Kurse zum selbstsicheren Wandern. Im Interview mit get on your way berichtet sie von ihren Wanderkursen und erzählt wie es ist, als Frau alleine unterwegs zu sein.

Bei Jessicas Wanderkurs im Siebengebirge am 6. Mai war ich dabei – hier geht es zum Bericht: Wanderkurs: Selbstsicher wandern im Siebengebirge. Um meine Reisen, Wanderungen und Berichte auch live mitzubekommen, folge mir gerne auf Facebook und Instagram.

Alleine wandern und die Natur genießen

Marcella/getonyourway: Jessica, wie bist du zum Wandern und alleine Wandern gekommen?

Ich bin schon immer gerne gewandert, meistens mit Freunden. Intensiviert habe ich das Wandern mit der Geburt meiner heute 4-jährigen Tochter. Ich habe gemerkt, dass ich Zeit für mich brauche. Obwohl mein Partner und ich jeweils einen kinderfreien Tag hatten, hat das in der Wohnung nicht so gut funktioniert. Unserer Tochter war egal, wer gerade „frei“ hatte. Viele Frauen nehmen sich, vor allem sobald ein Kind da ist, gar keine Zeit mehr für sich selbst. Häufig übernehmen sie ohnehin den größten Teil der Haus- und Erziehungsarbeit, sodass die eigenen Interessen dabei leicht untergehen. Mir war es aber sehr wichtig, Zeit alleine zu haben und mich um mich selbst zu kümmern.

Ich wollte anfangs mit meinem Partner zusammen wandern gehen, er war dafür aber nicht zu begeistern. Mit Freunden hat es oft auch nicht gepasst. Ich habe mich dann zunächst noch etwas widerwillig alleine auf den Weg gemacht und bin einfach rausgefahren und losgegangen – zum Beispiel auf dem Rheinsteig oder dem Ahrsteig.

Bei den ersten Malen habe ich mir noch ab und zu gewünscht, mit jemandem zusammen unterwegs zu sein. Mit der Zeit hat es mir dann aber richtig Spaß gemacht, alleine zu wandern – in meinem Tempo gehen, die Ruhe und die Natur genießen, Zeit für mich haben. Die nächsten Male habe ich dann ganz bewusst niemanden mehr gefragt. Natürlich gehe ich ab und zu immer noch mit Freunden wandern, dann geht es um die Gespräche und ums Zusammensein. Aber ich finde es auch toll, alleine die Schönheit der Natur zu erleben und denke mir dann oft die ganze Zeit „Ist das schön!“.

Zusätzlich inspiriert haben mich andere Frauen, die übers alleine Wandern und in der Natur sein bloggen und youtuben. Vor allem die Bilder und Berichte von Fräulein draußen, Outdoor Bavaria, Bunterwegs und Hiker in Estonia haben mich begeistert und in mir den Wunsch geweckt, selber auch mal über Nacht und mit dem Zelt oder Tarp alleine in der Natur und auf Trekkingtour zu sein.

Info: Mehr zum Thema Wandern findest du auch hier auf meinem Blog, zum Beispiel meinen Bericht zum Wandern im wilden, bergigen Hinterland Kroatiens.

Alleine wandern in den Bergen

Alleine wandern – Ruhe und Natur genießen

Die Kunst, allein zu sein

Viele Menschen möchten schöne Momente ja gerade nicht alleine erleben, sondern sie mit anderen teilen. War das bei dir anfangs auch so und ändert sich deine Wahrnehmung, wenn du alleine unterwegs bist?

Diesen Gedanken, meine Erlebnisse mit jemandem teilen zu wollen, hatte ich anfangs auch. Dann habe ich aber gemerkt: Ich muss das gar nicht teilen. Und wenn, kann ich immer noch ein Foto von unterwegs verschicken. Ich habe ohnehin gelernt, grundsätzlich gerne alleine zu sein und Dinge alleine zu unternehmen. Mir war es wichtig, das Ausleben meiner Interessen nicht von anderen Menschen abhängig zu machen. Ich habe damit angefangen, alleine ins Kino, ins Café oder auf Konzerte zu gehen, wenn ich spontan Lust darauf hatte. Für mich hat das alleine unterwegs sein in keinster Weise eine schlechtere Qualität. Es ist einfach anders.

Alleinsein ist aber durchaus etwas, das man lernen muss. Als ich das erste mal über mehrere Tage alleine an der Ahr gewandert bin, saß ich am Abend im Restaurant am Zweiertisch. Da schlich sich zuerst schon der Gedanke ein, die Leute könnten es komisch finden, dass ich dort alleine sitze. Stattdessen habe ich mir dann aber ganz bewusst gesagt: „Ich sitze hier, genieße meinen Wein, schaue auf die Berge und das ist toll!“. Daran bin ich auch gewachsen: Es macht unglaublich selbstbewusst, das Alleinsein nicht mehr als defizitär zu empfinden, sondern zu genießen.

Gleichzeitig ist es oft ein Türöffner, alleine unterwegs zu sein. Ein Beispiel: In einem kleinen Ort an der Ahr habe ich eine Frau nach einem Café gefragt. Da das einzige Café des Dorfes geschlossen hatte, hat sie mich zu sich nach Hause auf einen Kaffee eingeladen. Wir haben uns gleich gut verstanden und eine Stunde lang einfach gequatscht. Alleine sein ist also keinesfalls gleichzusetzen mit einsam sein. Wenn man Kontakte möchte, bekommt man sie auch – und das alleine noch viel eher, als wenn man in einer geschlossenen Gruppe mit anderen Menschen unterwegs ist.

Alleine wandern als Frau

Alleine wandern und die Natur genießen – für die Wandersfrau Jessica ein Freiheitsgefühl

Die Freiheit, alleine raus in die Natur zu gehen

Du bist häufig alleine im Wald unterwegs, auch mal im Dunkeln, übernachtest mitten in der Natur. Als Frau ist das ja durchaus ungewöhnlich. Viele würden auch sagen: gefährlich.

Ja, das bekomme ich tatsächlich häufig zu hören. Ich finde es aber wichtig, als Frau die Freiheit zu haben, alleine Wandern zu gehen und im Wald unterwegs sein zu können. 
Für Männer ist es viel normaler, sich alleine auf den Weg in die Natur zu machen.

Und natürlich gibt es – insbesondere für Frauen – Gefahren, denen ich mir bewusst bin. Ich beschäftige mich viel mit feministischen Themen. Daher weiß ich, wie präsent Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft ist. Es gab eine Phase, in der ich viel dazu gelesen und mich informiert habe. Wenn ich alleine unterwegs bin, sehe ich alleine wandernde Männer schon mit einem anderen Blick. Es gab auch schon Situationen, in denen ich mich unwohl gefühlt habe. Auch Autos, die im Wald fahren, haben für mich manchmal etwas Bedrohliches.

Zu dieser Zeit habe ich auch einen Selbstbehauptungskurs gemacht. Dort habe ich gelernt, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten kann. Seitdem bekommt zum Beispiel jeder, der mir beim Wandern begegnet, erst einmal in lautes „Hallo“ entgegengebracht. Frauen wird oft gesagt, dass sie unangenehme Situationen einfach ignorieren sollen. Das ist aber nicht immer das Richtige. Häufig ist es besser, Blickkontakt aufzubauen, laut zu sein, Raum einzunehmen.

Gleichzeitig ist mir bewusst: Bedrohliche Situationen kommen nicht per se oder vermehrt im Wald vor. Gerade im städtischen Umfeld passiert eher etwas als in der Natur. Und, es ist traurig, aber statistisch gesehen ist es für eine Frau am gefährlichsten, mit ihrem Partner alleine in der Wohnung zu sein, anstatt alleine im Wald unterwegs. Häusliche Gewalt ist das wesentliche Gewaltthema.

Meine unguten Gefühle, alleine im Wald zu sein, haben sich mit der Zeit immer mehr gelegt. Ich bin sicherer und selbstbewusster geworden. Deshalb möchte ich auch andere Frauen ermutigen, alleine wandern zu gehen, wenn sie Lust auf diese Erfahrung haben.

Wanderkurse zum selbstsicheren Wandern

Du möchtest jetzt, zumindest nebenberuflich, dein Hobby zum Beruf machen und bietest Wanderkurse an. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Wenn ich an meine vielen Wanderkilometer zurückdenke, fällt mir auf, dass ich nur selten alleine wandernden Frauen begegnet bin. Häufig haben andere Leute auch zu mir gesagt „Was, du gehst alleine wandern? Das würde ich mich ja nicht trauen!“. Gleichzeitig haben mir Menschen aber auch erzählt, dass ich sie inspiriert habe und sie jetzt öfter mal alleine losziehen.

Auf die Idee, Wanderkurse zu geben, kam ich schließlich auf einer Wanderung im Siebengebirge. Ich habe eine Gruppe anderer Leute getroffen und ein junger Mann erzählte mir, er sei Personal Trainer. Als er mich fragte, was ich denn so mache, habe ich aus Scherz geantwortet: „Ich bin Wanderführerin!“. Er entgegnete ganz ernst und begeistert: „Ach, echt!?“ – und in mir reifte der Gedanke: Warum eigentlich nicht?

Einige Zeit später habe ich dann ein Gewerbe angemeldet, eine Website erstellt und gebe nun meine ersten Kurse. Ich möchte meine Begeisterung fürs alleine Wandern weitergeben. Mein Angebot ist offen für Frauen und Männer, häufig sind sich aber Frauen unsicherer. Sie haben Lust, alleine zu wandern, trauen sich aber noch nicht so richtig. Diese Frauen möchte ich ermutigen, es mal auszuprobieren – dafür ist ein Wanderkurs genau das Richtige. Mein Tenor ist: Mehr Frauen in den Wald!

Wanderkurse Wandersfrau alleine wandern

In den Wanderkursen lernen die Teilnehmer*innen, sich mit Karte und Kompass zu orientieren

Was erwartet deine Teilnehmer*innen in den Kursen?

In den ersten Kursen laufen wir entlang einer 14 Kilometer langen Route im Siebengebirge. Sie verläuft über den Drachenfels und den Petersberg mit wunderschönem Blick über das Rheintal. Wir wandern in kleinen Gruppen und gehen die Hürden im Kopf an: die Angst, sich zu verlaufen oder Wildschweinen zu begegnen, aber auch die Angst vor dem Alleinsein an sich. Ich möchte in meinen Kursen einen geschützten Rahmen bieten, diese Ängste anzusprechen und sich darüber auszutauschen. Gemeinsam suchen wir dann nach Lösungen.

Auch der praktische Teil darf natürlich nicht fehlen: Wir lernen, uns mit Karte und Kompass zu orientieren und üben den Umgang mit unerwarteten Situationen – was mache ich, wenn plötzlich ein Wegweiser fehlt oder ein Symbol und wie finde ich den Weg wieder, wenn ich mich verlaufen habe? Wir werden uns auch eine App anschauen, die beim Planen und Vorbereiten einer Wanderung hilft. Und es wird auch einen Abschnitt geben, auf dem wir uns trennen und alleine wandern – so kann jede*r Teilnehmer*in testen, wie es sich anfühlt, alleine unterwegs zu sein. Und das ohne direkt die ganz große Tour alleine zu gehen. Wir machen uns gemeinsam und Schritt für Schritt auf den Weg, alleine zu gehen!

Jessica, ich danke dir für das Interview und freue mich schon sehr darauf, bei deiner nächsten Wanderung am 6. Mai dabei zu sein!

Wanderkurse alleine wandern Siebengebirge

Die Wanderkurse der Wandersfrau Jessica führen mitten durchs Siebengebirge

Info: Möchtest du auch gerne mehr alleine wandern und an einem der nächsten Wanderkurse von Jessica teilnehmen? Hier geht es zu den Terminen und zur Anmeldung.
Meinen Bericht zum Wanderkurs am 6. Mai könnt ihr hier lesen: Wanderkurs: Selbstsicher wandern im Siebengebirge. Aktuelle Fotos, Berichte und Neuigkeiten zu meinem Blog findet ihr auch bei Facebook und Instagram.

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