5-Stunden-Tag: „Der Mensch lebt nicht für die Arbeit“

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5-Stunden-Tag: "Der Mensch lebt nicht für die Arbeit"

5-Stunden-Tag, flexible Urlaubsregelung, Sport- und Bewegungsangebote, ein Ruheraum für die Mittagspause und Menstruationsurlaub für Mitarbeiterinnen – das sind nur einige der Maßnahmen, die Christian Faust in seiner Firma Faust Translations seit Anfang 2017 nach und nach eingeführt hat. Im Interview mit getonyourway erzählt er, wie er zu der Entscheidung kam und warum es sich auch aus unternehmerischer Sicht gelohnt hat, die Arbeitszeit zu reduzieren.

Reduzierung der Arbeitszeit – von der Idee bis zur Umsetzung

getonyourway: Hallo Christian! Stell doch dich und deine Firma Faust Translations einmal kurz vor. Wie kommst du dahin, wo du heute bist? Was ist der Tätigkeitsbereich von Faust Translations und wieviele MitarbeiterInnen arbeiten dort?

Faust Translations ist ein organisch gewachsenes Familienunternehmen. Meine Frau ist in der Buchhaltung tätig und mein Sohn Thomas ist vor drei Jahren in die Firma eingetreten. Begonnen habe ich nach meinem Studium als freiberuflicher Fachübersetzer für Technik und Wirtschaft. Im Laufe der Zeit wuchs die Nachfrage nach meinen Übersetzungsleistungen mehr und mehr, sodass ich Kollegen einbeziehen konnte.
1996 gründete ich die erste GmbH, 2004 folgte die Gründung der Niederlassung in Luxemburg, die heute Hauptsitz ist. Mittlerweile beschäftigen wir intern neun Mitarbeiter. Die Zahl der externen Fachübersetzer beläuft sich auf über 800. Spezialisiert sind wir auf das Übersetzungsmanagement für mittelständische Industrieunternehmen, die Fachübersetzung in Technik, Marketing und E-Commerce in allen Geschäftssprachen benötigen.

Anfang 2017 habt ihr in eurer Firma den 5-Stunden-Tag eingeführt. Wie kam es zu der Idee und schließlich zu der Entscheidung?

Ausschlaggebend war, dass wir Anfang 2016 im Zuge der Digitalisierung und der jüngsten Weiterentwicklungen in der Übersetzungsindustrie begannen, unsere sämtlichen Prozesse auf den Prüfstand zu stellen. Beim Blick über den Tellerrand hinaus wurden wir auch auf alternative Arbeitskonzepte aufmerksam. Insbesondere das Buch von Stephan Aarstol, „The five-hour workday“, inspirierte uns, sodass wir uns fragten: „Mal ausprobieren?“ Da wir ein innovatives Unternehmen mit flacher Hierarchie sind, konnten wir die Idee ohne lange Entscheidungsprozesse in die Tat umsetzen.
Grundsätzlich gilt dabei der Gedanke: Der Mensch lebt nicht für die Arbeit. Wenn wir schon arbeiten, dann soll die Arbeit den Menschen im Mittelpunkt haben: Sie soll erfüllend sein, herausfordernd, darf auch (über Erfolg) Freude bereiten, soll die eigene Persönlichkeit berücksichtigen und vor allem nicht gegen wesentliche Rechte verstoßen: körperliche und geistige Unversehrtheit, Würde, Mitspracherecht usw.

Info: Laut Arbeitszeitreport Deutschland arbeiten vollzeitbeschäftigte Angestellte 43,5 Stunden pro Woche. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt gleichzeitig: 40 Prozent der Angestellten würden ihre Arbeitszeit gerne reduzieren und lieber Teilzeit arbeiten.

Inspirierende Bücher: In „The five-hour workday“ beschreibt Autor Stephan Arastol die Vorteile einer reduzierten Arbeitszeit am konkreten Beispiel einer Firma, die ebenfalls den 5-Stunden-Tag eingeführt hat.
Noch ein bisschen weiter geht der Autor Timothy Ferriss in seinem Buch „Die 4-Stunden-Woche„: Der ehemalige Workoholic erklärt, warum wir alle weniger arbeiten sollten – und wie wir unsere Arbeitszeit reduzieren können.

Fünf Stunden statt acht Stunden  – bei gleichem Gehalt

Was hat sich seitdem konkret für die MitarbeiterInnen verändert? Wieviel haben sie vorher gearbeitet?

Konkret hat sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geändert, dass sie in der Tat täglich nur fünf statt acht Stunden arbeiten – bei gleichem Gehalt. Trotz aller Bedenken im Vorfeld hat sich erwiesen, dass es funktioniert. Es gibt nicht mehr Stress oder Überstunden als früher. Stattdessen versuchen wir weitere Flexibilität zu generieren, indem wir den Mitarbeitern die Gestaltung und Verantwortung für ihre Aufgaben vollständig übertragen haben. Statt Vorgaben des Managements entscheidet das Team selbst, wer welche Aufgaben übernimmt, teilt oder verantwortet.
Der unmittelbare Vorteil für die Menschen liegt auf der Hand: früher Feierabend, mehr Zeit für Partner, Kinder, Erledigungen, Sport und Freizeit, weniger Stress, kurz: Das Leben gewinnt durch diese einfache Maßnahme enorm an Qualität.

Feierabend mehr Zeit 5-Stunden-Tag

Früher Feierabend – mehr Zeit mit Freund*innen und Familie verbringen

Welche Auswirkungen hatte der Wechsel zum 5-Stunden-Tag auf eure internen Arbeitsprozesse?

Wir haben die uns zur Verfügung stehenden technologischen Möglichkeiten, wie z.B. Cloud-Computing und intelligente Messengerdienste statt E-Mail genutzt, um neue Arbeitsabläufe zu strukturieren. Vor allem haben wir geprüft, was wir nicht länger brauchen, was ineffizient ist, wo wir Zeit sparen können. Unnötige Arbeiten haben wir einfach unter den Tisch fallen lassen.
Zudem haben wir viele Trainingssessions gemeinsam im Team durchgeführt, um Best Practices zu vermitteln, Schwachstellen aufzudecken und zu beseitigen, den Umgang mit neuen Tools zu üben.
Ich möchte nicht verschweigen, dass 2017 ein anspruchsvolles Jahr war, das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch das Management manchmal sehr gefordert hat. Es lief natürlich nicht alles rund von Anfang an. Manchmal hatten die neuen Prozesse, die theoretisch so klar und einfach aussahen, Schluckauf. Doch das Ergebnis spricht eindeutig für sich.

5-Stunden-Tag: Arbeitszeit reduziert, Umsatz gesteigert

Wer vom 5-Stunden-Tag das erste mal hört, denkt sich häufig: Das gleiche Geld zahlen für weniger Arbeitsstunden? Wie soll sich das denn für ein Unternehmen rechnen? Was sagst du dazu aus deiner Erfahrung? 

Nicht die Zeit zählt, sondern die Leistung. Wir haben in den letzten beiden Jahren unseren Umsatz um 34% gesteigert, gleichzeitig die Arbeitszeit von acht auf fünf Stunden reduziert. Das heißt: Wir haben unsere Effizienz um zwei Drittel gesteigert. Ein enormer Wert!
Wir haben die heute zur Verfügung stehende Technologie genutzt. Gleichzeitig haben wir konzentrierte Arbeitsweisen eingeführt. Denn im Ernst: Wer kann acht Stunden am Stück konzentriert arbeiten? Verbringen viele Mitarbeiter nicht einen gewissen Teil der vorgegebenen acht Stunden am Abteilungsdrucker, auf der Toilette, an der Kaffeemaschine, in der Rauchpause oder, was vermutlich noch öfters der Fall ist, in endlosen – und ergebnislosen – Meetings? Wenn man die Sache konsequent durchdenkt, findet man viele Punkte, an denen man ansetzen kann, um Zeit einzusparen.

Tipp: Du möchtest mehr inspirierende Beiträge zum gesellschaftlichen Wandel lesen? In der Rubrik gesellschaftlicher Wandel auf diesem Blog kommt bald mehr dazu. Folge mir gerne auf Facebook und Instagram, wenn du über neue Beiträge informiert werden möchtest!

Wie haben die MitarbeiterInnen auf die Umstellung zum 5-Stunden-Tag reagiert und wie geht es ihnen heute damit? 

Anfänglich war die Skepsis groß. Und in der Umstellungsphase – wir haben ja nicht nur die Arbeitszeit gekürzt, sondern gleichzeitig neue Tools und Prozesse eingeführt – gab es durchaus etwas Stress und Nervosität. Doch diese Phasen haben sich schnell gelegt. Natürlich sind wir weiterhin innovativ und führen weitere Neuerungen ein, wie zum Beispiel das papierlose Büro. Unser Team ist dergleichen aber nun gewohnt und setzt neue Prozesse schneller und sicherer um.
Heute freut sich das Team an der zusätzlichen Freizeit, ist entspannter und ausgeruhter, insgesamt ausgeglichener und gesünder. Nicht zu unterschätzen ist der psychologische Faktor, da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am eigenen Leib erfahren haben, was möglich ist, wenn man es tut.

Faust Translations

Christian Faust (3. von links, vorne) und sein Team ©Faust Translations

Menstruationsurlaub, Ruheraum und Gesundheitsfürsorge

Du bietest für deine MitarbeiterInnen auch noch viele andere besondere Leistungen an. Welche sind das und welche Motivation steckt dahinter?

Meine Vorstellung ist, dass wir einen großen Teil unserer Lebenszeit auf der Arbeit verbringen. Als Freiberufler habe ich Arbeit und das eigentliche Leben nie getrennt betrachtet. Aus diesen Gründen möchte ich, dass sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglichst wohl fühlen, gesund bleiben, Freude an ihrer anspruchsvollen Arbeit haben. Wir haben flexible Arbeitszeiten eingeführt und regen zu körperlicher Betätigung an.
Wir bieten zum Beispiel eine Laufgruppe und eine Jahreskarte für Squash und Schwimmhalle/Freibad an. Die Mittagspause haben wir auf 60 Minuten verlängert und einen Ruheraum eingerichtet, damit die MitarbeiterInnen wahlweise einen Power-Nap machen oder einen Spaziergang unternehmen können. Wir fordern dazu auf, die Arbeit in 25-Minuten-Pomodoro-Einheiten zu strukturieren und dann 5 Minuten Pause zu machen mit etwas Bewegung und Stretching, auch mal vor die Tür zu gehen. Die Mitarbeiterinnen dürfen bei Bedarf tageweise frei nehmen, wenn sie Menstruationsbeschwerden haben – ohne dass das vom Urlaub abgezogen wird. Regelmäßig bieten wir eine Gesundheitsprävention bei einem Facharzt an, der unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter coacht, damit sie langfristig gesund und leistungsfähig bleiben. Das hilft nicht nur der Firma, sondern vor allem den Leuten selbst, ihren Familien und der Gesellschaft insgesamt.

Info: Forscher der Ohio State University fanden heraus, dass lange Arbeitszeiten sich negativ auf die Gesundheit auswirken – insbesondere Frauen, die mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiteten, erkrankten häufiger an Krebs, Diabetes oder Arthritis. Laut einer Studie der Universität Melbourne nehmen zudem auf Dauer die kognitiven Fähigkeiten stärker ab, wenn man mehr als 25 Stunden pro Woche arbeitet.

In die Zukunft schauen

Denkst du, dass das Modell ‚5-Stunden-Tag’ für deine und auch für andere Branchen ein Vorbild sein kann und sollte? 

Natürlich. Wenn es um soziale Nachhaltigkeit, kürzere Arbeitszeiten und andere alternative Arbeitsmodelle geht, schlagen viele Leute die Hände über dem Kopf zusammen und sagen das Ende der Wirtschaft voraus. Aber das ist keinesfalls so, im Gegenteil.
Ich will nicht sagen: Eine Umstellung auf einen 5-Stunden-Tag ist kein Problem! Aber viele Argumente, die ich in letzter Zeit hören musste, waren nichts als Ausreden, die wir wegdiskutieren konnten. Der häufigste Ansatz lautete: „Das geht bei uns nicht, weil wir das bei uns soundso machen.“ Bei näherer Betrachtung erwies sich das Argument als stichhaltig insofern, da ein 5-Stunden-Tag nicht funktionieren kann, wenn man alles beim Alten lässt.
Der Trick ist, dass man einen Schnitt machen muss. Alte Zöpfe abschneiden. In die Zukunft schauen, Chancen nutzen. Und vor allem den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das rechnet sich auch für Unternehmen, die vor allem (oder nur) auf den Gewinn schauen. Vor allem werden genau diese Unternehmen irgendwann das Nachsehen haben, wenn sie sich nicht erneuern. Ich bin ganz sicher, dass Unternehmen, die heute einen 5-Stunden-Tag in Erwägung ziehen und umsetzen, den Wettbewerbern langfristig überlegen sein werden.

Christian, ich bedanke mich für das Interview und die interessanten, inspirierenden Einblicke in deine Firma. Ich wünsche dir und deinem gesamten Team weiterhin alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft!

Faust Translations

Ausgeruhter und gesünder: Christian Faust (3. von links, vorne) und sein Team ©Faust Translations

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Arbeitszeit reduzieren

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5 thoughts on “5-Stunden-Tag: „Der Mensch lebt nicht für die Arbeit“

  1. Für einen 5-Stunden-Tag würde ich auch auf Geld verzichten. Die unproduktiven Zeiten bei einem 8-Stunden-Tag kennt sicher auch jeder. Gerade die letzte Stunde ist bei mir oft unproduktiv, da ich mich kaum noch konzentrieren kann.

    Beeindruckendes Konzept!

  2. Hallo Christian

    Lang lang ists her..😉Hab gerade dein Interview gelesen. Was denkst du, sind solche Arbeitsmodelle auch in Schichtbetrieben wie Spital möglich? Und was denkst du vom Argument, dass 5hmöglich sind, abernur bei einigermassen eingespielten & routinierten Mitarbeitern?

    Herzliche Grüsse aus der CH!

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